Im Juni 2022 traf mich Julia Rauch im Jüdischen Museum Wien zum Gespräch. Das Interview erschien am 30. Juni 2022 im Delay Magazine unter dem Titel „Einsichten in das Lebensgefühl einer modernen jüdischen Künstlerin“. Anlass war mein Buch „Jude sein. Ansichten über das Leben in der Diaspora“, das 2021 bei Hentrich & Hentrich erschienen war.

Auf die Frage, was „Jüdin sein“ für mich bedeutet, antwortete ich, dass das schwer zu sagen ist – „denn ich war es ja nie nicht“. Es ist eine Volkszugehörigkeit, eine Form der Mentalität und des Humors, eine Gruppe von Menschen, denen ich mich zugehörig fühle. Es heisst aber auch, Aussenseiterin zu sein – und das war ich als Kind prominenter Eltern ohnehin. Eine „jüdische Künstlerin“ im Sinne eines Etiketts war ich nie; jüdische Lieder habe ich erst spät zu singen begonnen. Ich verstehe mich als Europäerin.
Warum ich das Buch geschrieben habe? „Das ist ein bisschen wie ein Kochtopf, der brodelt und dann auf einmal übergeht.“ Zu viel war in den letzten zwanzig, dreissig Jahren passiert. Wir sprachen über „Tikkun Olam“ – das Gebot, die Welt zu heilen, das tief im jüdischen Bewusstsein verankert ist – und über Antisemitismus.
„Antisemitismus ist im Kern eine Angst vor der Moderne und eine Angst vor der Wurzellosigkeit, weil das Judentum nicht festzumachen ist.“
Sandra Kreisler im Delay Magazine, 30. Juni 2022
In Wien, sagte ich, habe man den „jüdischen Schmäh“ so verinnerlicht, dass man sehr antisemitisch sein und trotzdem einen jüdischen Schmäh haben kann. Und zu den Davidsternen mit der Aufschrift „ungeimpft“ auf Corona-Demonstrationen: Das verharmlost, was passiert ist – es ist nicht nur antisemitisch, sondern auch gefährlich. Den Antisemitismus wird man nicht aus der Welt bringen können. Man kann aufklären, erklären, immer wieder darüber reden.

Natürlich kam auch mein Vater Georg Kreisler zur Sprache. Darf Satire alles? Ich denke: ja, solange sie als Satire kenntlich ist. Sein spätes Lied „Schlag sie tot“ finde ich etwas zu plakativ – es geht darin eigentlich nicht um Juden, sondern um einen hasserfüllten Europäer. Und wie sehr steht man als Tochter im Schatten des Vaters? „Ich habe dieses Jahr meinen 60. Geburtstag gefeiert und laufe immer noch unter Tochter herum.“ Aber man kann sein Leben nicht damit verbringen, Wasser mit einem Sieb bergauf schaufeln zu wollen – ich habe mir trotzdem mein Leben gestaltet und meinen Weg gesucht. Von meinen Eltern habe ich sehr viel Positives an Sprache, Musik, Liedern, Kunst und Kultur mitbekommen.
Zum Schluss verriet ich mein nächstes Buchprojekt: eine Geschichte Israels – vom Neolithikum bis heute –, faktenbasiert, aber spannend und unterhaltsam zu lesen.
Das ganze Interview aus dem Delay Magazine vom 30. Juni 2022 gibt es hier als PDF:


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