„Der lange Schatten des Vaters“ – thurgaukultur.ch

Sandra Kreisler singt auf der Bühne, im Hintergrund Scheinwerfer

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Im Herbst 2018 bin ich nach Kreuzlingen gezogen – nach vielen Jahren in Wien und Berlin. Die langen Anreisen zu meinen Konzerten im Süden Deutschlands und in der Schweiz war ich leid, und mein Mann Roger Stein ist Schweizer; wir wollten verstärkt hier auftreten. Kurz vor meinem Konzert am 8. Dezember in Konstanz hat mich Michael Lünstroth, Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch, zum Gespräch getroffen. Daraus wurde ein langes, sehr offenes Porträt: „Der lange Schatten des Vaters“.

Sandra Kreisler singt auf der Bühne

Angefangen haben wir mit meinem Velo: In Berlin wäre es sofort geklaut worden. In Kreuzlingen fand ich, nachdem es wochenlang unabgeschlossen vor der Tür stand, einen Zettel daran: „Wenn Sie Ihr Rad nicht mehr mögen, ich nähme es gerne.“ Diese Freundlichkeit berührt mich bis heute.

Dann ging es um das Thema, das mich mein Leben lang begleitet: meinen Vater Georg Kreisler.

„Alles, was ich heute bin, was ich heute kann, habe ich mir komplett selbst erarbeitet. Manchmal wünschte ich, die Leute könnten das stärker trennen – meine Familienherkunft und das, was ich heute mache.“

thurgaukultur.ch, 4. Dezember 2018

Natürlich weiß ich, dass mir der Name Türen geöffnet hat. Aber die Türen gingen vielleicht leichter auf – das Durchgehen wurde mir dafür sehr schwer gemacht.

Ich bin mit Literatur, Theater und Chansons aufgewachsen, als Tochter von Georg Kreisler und Topsy Küppers. Mit 14 habe ich mein Leben selbst in die Hand genommen. Nach den Amerikanischen Schulen in Wien und Berlin kamen Gesangs-, Schauspiel- und Rhetorikunterricht, ab 1982 das Radio, 1984 die Bühne, 1987 der erste Film – und Theater wie das Theater in der Josefstadt. 1994 habe ich mit dem klassischen Worttheater gebrochen: Mir fehlte die Magie. Die habe ich im gesungenen Wort gefunden.

„Das gesungene Wort ist das, wofür ich brenne. Das kann ich zehn Stunden am Stück machen und werde nie müde.“

thurgaukultur.ch, 4. Dezember 2018

Lange habe ich mich wegen des großen Namens nicht daran getraut. Als ich es dann doch gewagt habe, wusste ich: Das ist es. 2006 kamen der Lale-Andersen-Preis und der Preis der deutschen Schallplattenkritik dazu – ein befreiender Schritt aus dem Schatten.

Lange habe ich die Lieder meines Vaters gemieden; es hat gedauert, bis ich zwischen dem Vater und dem Künstler trennen konnte. Heute singe ich auch Georg-Kreisler-Lieder – so auch in meinem Programm „Schum Davar – Jüdische Lieder“, mit dem ich damals nach Überlingen, Konstanz und Gailingen kam. Nicht streichelweich, sondern eher angriffig, vor allem im zweiten Teil.

„Ich bin wohl eher nicht das Kind von Diplomaten. Ich sage, was ich zu sagen habe.“

thurgaukultur.ch, 4. Dezember 2018

thurgaukultur.ch, 4. Dezember 2018: „Der lange Schatten des Vaters“ von Michael Lünstroth.

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